Munich Skyline rpc Perspektiven 2021

BY Felix Brennecke

Die Einkaufs-Monokultur hat sich überlebt

Hohe Mieten, austauschbare Ladenketten – und nun auch noch Corona. Welche Zukunft hat das Einkaufen in der Innenstadt?

Future Retail, Future City?
 

Gebaute Excel-Tabellen

Jede Stadt hat ihren Reiz oder vielmehr hatte. Denn seit einigen Jahren breitet sich eine einförmige Einkaufswüste aus: Immer gleiche Ketten bestimmen das Bild der Fußgängerzonen, manchmal ist es nicht mehr klar, in welcher Stadt man sich befindet.

„Mono-Thematisierung ist in der Tat ein Problem, und da sehen wir uns auch in der Verantwortung, etwas zu verändern“, sagt Julian Aisslinger, Manager Corporate Sustainability bei Marc O’Polo. „Es gibt tatsächlich Innenstädte, die gebauten Excel-Tabellen gleichen, weil viele Akteure das Maximum an Rendite rausholen wollten.“ Seine Forderung: „Wir müssen ein gesundes Gleichgewicht finden aus wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, Sozial- und Umweltthemen.“

Es geht um eine neue Balance, die auch das sich verändernde Einkaufsverhalten umfasst. „Wir müssen die Anwohner betrachten, was sie wollen und wie sie handeln“, rät Designstratege Felix Brennecke von rpc. Denn eigentlich gehe es um Relevanz. „Und da muss man ganz klar sagen, dass sich das Modell der Monokultur überlebt hat. Es ist nicht resilient genug.“

 

Nachhaltiger Umbau heißt Vielfalt

Wie also kommt es zu einer stärkeren Durchmischung, fragt sich auch der Transformationsforscher Felix Beer. Ihm geht es um „neue Erlebnisräume“ innerhalb der Innenstädte, die verschiedenen Nutzungen zulassen. Seine zentrale Frage: Wie verbinden wir das klassische Shopping mit öffentlichem Raum und Gemeinschaftseinrichtungen? Wie schaffen wir dazu Wohnraum in Städten? Beer geht es um nichts weniger als ein „Gesamtpaket, das echte Lebensqualität erzeugt.“ Als Beispiel nennt er die Markthalle in Rotterdam oder die Kreuzberger Mischung, Gründerzeit Häuser mit einem Hinterhaus für das Arbeiten, während im Vorderhaus gewohnt und verkauft wurde.

 

Markthalle Rotterdam 02

Zusammen Verantwortung übernehmen

Nachhaltige Alternativen zur gegenwärtigen Einkaufsmonokultur sind polyzentrisch, kompakt und divers: Leitwörter, die nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass sich alle Verantwortlichen der jeweiligen Städte – Bürger*innen, Politik und Wirtschaft für die Stadtgesellschaft in der Zukunft engagieren müssen. Corona, so viel wird deutlich, ist nur Brandbeschleuniger, nicht Auslöser der gegenwärtigen Krise. „Die Pandemie hat die Sinnkrise der Innenstädte nicht ausgelöst, sondern sie nur beschleunigt“, sagt Designstratege Felix Brennecke von rpc. „Dabei geht es nicht nur um den Einzelhandel, sondern eigentlich handelt es sich um eine Multi-Stakeholder-Problematik: Kommunale Verwaltungen müssen zusammen mit den Vermietern über Lösungen nachdenken.“ Wie aber soll das funktionieren? Und was genau ist der Ansatz?

 

Mehr als ein digitaler Marktplatz: Agora 2.0

Plötzlich taucht ein ziemlich altes Wort auf: Agora. Der Marktplatz spielte schon immer eine zentrale Rolle. „Städte wuchsen um Märkte. Diese waren historisch mehr als nur ein Ort des Handels“, sagt Forscher Felix Beer: „Sie waren immer Orte der Politik, der Kultur, der Begegnung, des Austausches und der Demokratie.“ Daher stelle sich heute weniger die Frage nach komplett neuen Konzepten, vielmehr gelte es Qualitäten zu entdecken, die es schon einmal gab. „Wir brauchen eine Art Agora 2.0. und mit ihr partizipative „Erlebnisräume“, die Vielfalt zulassen und zum Mitmachen inspirieren.“

 

Das Einkaufserlebnis von morgen: regional und nachhaltig

Welche Rolle spielt der Handel dabei? „Wir haben in der Vergangenheit viel über Experience-driven-Retail gesprochen. Das wird bleiben“, prognostiziert Julian Aisslinger, Manager Corporate Sustainability bei Marc O’Polo. „Dazu kommt aber etwas Neues: Wir wollen mehr Flächen zur Verfügung stellen, um Verständnis für die komplexen Nachhaltigkeits-Themen Zugang zu schaffen. Warum ist das Produkt nachhaltig? Wie machen wir das eigentlich mit sozialer Verträglichkeit in der Lieferkette? Wir versuchen, unsere Kunden zu sensibilisieren.“ Schließlich sei Recycling nicht nur eine Frage der Infrastruktur. Sondern eine des Wissens.

Flächen für Bildung und Shop-in-Shop-Konzepte – das ist ein Paradigmenwechsel. Dahinter steht die Einsicht, dass maximale Rendite pro Quadratmeter abgelöst wird von einer neuen Sichtweise, die das Quartier in den Blick nimmt. Rollen ändern sich: aus einer Store-Managerin wird eine Kuratorin und aus einem Facility Manager ein angehender Quartiersmanager, prognostiziert rpc Experte Felix Brennecke. „Es geht um das alltägliche, konkrete Miteinander, das kommunale Interessengruppen mit den Vorstellungen des lokalen Einzelhandels und der lokalen Vermieter zusammenbringt.“

Julian Aisslingers Perspektive dazu: „So unterschiedlich die Themen auch sind, für uns bedeutet die nachhaltige Stadt auch immer Gemeinschaft. Es geht um solidarische Modelle der Zukunft. Wir sehen Produkte, die wirklich nachhaltig sind und Momente des Austauschs. Wie das in der Zukunft genau aussehen wird, werden wir sehen.“

 

 

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Nachhaltig im Miteinander

Nicht umsonst geht Nachhaltigkeit über die ökologische Dimension hinaus und umfasst Soziales und Wirtschaftliches in einem stabilen Gleichgewicht. „Bei rpc versuchen wir eine Balance zu finden aus stationären und E-Commerce-Lösungen“, sagt Felix Brennecke. „Es wird zu einem Mix kommen: Die Stadt als physische Plattform, in der sich Menschen begegnen, verabreden und einkaufen – hat eine Zukunft.“ Dann setzt er hinzu: „Nach der Pandemie werden wie eine deutliche Renaissance der Stadt erleben.“ Entscheidender Faktor sind die Menschen – sie wollen andere sehen, treffen und sich austauschen. Die Stadt verspricht direktes Erleben und auch überraschende, manchmal sogar unangenehme Begegnungen. All das boten die Städte schon in der Vergangenheit: Orte, die uns magisch anziehen, weil eben nicht alles klar abgegrenzt und vorhersehbar ist. Dafür aber unglaublich spannend.

 

Experimentierkultur mit Bildung neuer Allianzen

Es bedarf Kooperationen aller beteiligten Akteure für die Bildung von zukunftsfähigen Innenstädten, bei denen die Interessen aller berücksichtigt werden.

Felix Beer sieht das Szenario eines inklusiven Kooperationsprozesses, bei dem die Akteure aus kommunaler Verwaltung, Immobilienwirtschaft, Retail, Hotel- und Gastgewerbe sowie weitere Mitspieler nicht mehr auf sich alleine gestellt sind. So können sich über einen intensiven Austausch Experimentierfelder und nachgelagerte Innovationsräume erschließen.

 

 

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Jan Schemuth ist Geschäftsführer bei rpc - The Retail Performance Company.
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Jan Schemuth ist Geschäftsführer und Finanzvorstand von rpc. Er ist verantwortlich für Neukunden und Märkte, Business Development und die operative Unternehmensführung.
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